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Hinter Gittern ? Rock'n'Roll im Knast


Johnny Cash beim legendären Gig in Folsom: Auch seine spätere Frau June Carter stand mit auf der BühneCashs Konzerte in den kalifornischen Gefängnissen Folsom und San Quentin sind Legende. Heute begeben sich deutschlandweit Rock’n’Roll-Kapellen hinter Gitter, um den dortigen Gefangenen Abwechslung zu bieten. Sie alle berufen sich dabei auf den Man in Black.

Die Konzerte, die Johnny Cash am 13. Januar 1968 in Folsom und ein Jahr später, am 24. Februar 1969 in San Quentin vor den versammelten Insassen spielte, sind Legende. Dabei war Cash selbst nur kurzzeitig im Knast: Ca. drei Jahre zuvor war er auf dem Flughafen von El Paso in Texas mit einer rauen Menge Tabletten erwischt worden, ein Mitbringsel aus Mexico. Es blieb bei einer Bewährungsstrafe. Da war ein Merle Haggard schon ein anderes Kaliber: Der saß drei Jahre wegen Einbruch und sah Cash auf der Bühne San Quentins, 1957 bereits, denn Cash hatte schon zuvor Konzerte in Gefängnissen gegeben. Beeindruckt von der Show startete Haggard später die eigene Country-Karriere. Trotzdem beruht Cashs kommerzieller Erfolg bis heute auch auf seinem Image als Outlaw. Der Mann, der bis heute vielen ein „Personal Jesus“ ist, kämpfte einen anderen Kampf – manchmal auch einen gegen sich selbst. Dieser Hintergrund eines Geläuterten, gläubigen Menschen ist es dann wohl auch, der ihn die Konzerte in den Gefängnissen spielen ließ. Als Cash sich mit seiner Idee gegen die betriebswirtschaftlichen Befürchtungen seiner Plattenfirma durchsetzte, waren die Überwindung der Drogenabhängigkeit und das erste nüchterne Konzert der letzten zehn Jahre noch jüngste Vergangenheit. Cash hatte etwas mitzuteilen, die Gefangenen und Mikrofone waren aufnahmebereit.

Auch heute gibt es in San Quentin Kultur für die Knastis, das letzte größere Konzert fand im Oktober stattCash hatte in den zehn Jahren davor bereits Dutzende Konzerte in amerikanischen Gefängnissen gespielt, 1957 das erste Mal, im Knast von Huntsville. Jährlich hielten die Gefangenen dort ein Rodeo ab, dieses Mal sollte auch ein Entertainer kommen. Die Entscheidung fiel auf Johnny Cash, dessen Song „Folsom Prison Blues“ es den Gefangenen angetan hatte. Als er trotz eines Sturms den Gig in Huntsville nicht abbrach, sollte sein guter Ruf in schlechten Kreisen für alle Zukunft gesichert sein. Und Cash sollte recht behalten: Das Album „At Folsom Prison“ kletterte auf Platz 1 der Countrycharts, der Nachfolger „At San Quentin“ überholte den Erstling sogar und führte zeitweise nicht nur die Country-, sondern auch die Popcharts an.

In den Fußstapfen des Man in Black

Das Plakat zum Konzert in San Quentin hängt heute eingerahmt im Museum des GefängnissesHeute versucht die deutsche Rock’n’Roll-Szene, in Cashs Fußstapfen zu wandeln; regelmäßig spielen hierzulande Rock’n’Roll- und Rockabilly-Bands in Gefängnissen, wie die Speedballs aus Fulda. Im vergangenen Jahr, als der Man in Black 80 Jahre alt geworden wäre, stand für die vier Jungs das alljährliche Bandmotto fest, „a tribute to johnny cash“. „Wir haben uns überlegt, was am besten passt“, meint Bassist Torsten. Schnell war die Bewerbung bei der JVA Hünfeld eingereicht, eine Art Bewerbungsgespräch folgte, zusammen mit der Freizeit-Koordinatorin wurde der Ablauf geplant. Für die Speedballs bleibt es aber wahrscheinlich zunächst eine einmalige Sache. „Das ist  erst mal gewöhnungsbedürftig. Dort saßen zwar keine Mörder und Sexualstraftäter, man überlegt aber: Was haben die vielleicht vorher gemacht? Wenn jemand 5-6 Jahre sitzt, dann hat er nicht nur ein Autoradio geklaut. Es war schon auch in Gedenken an Johnny, aber es ging auf jeden Fall auch um den Resozialisierungsgedanken.“

Ruhe und Ordnung

Natürlich muss ein solches Konzert anders vorbereitet werden, Auftritte in deutschen Gefängnissen gehen in einem gesicherten und geordneten Rahmen vonstatten. Wärter bewachen an den Wänden die bestuhlten Kulturveranstaltungen – neben Live-Musik wird z. B. auch Theater geboten – und auch die Künstler müssen sich gründlichen Sicherheitschecks unterziehen. Schwer vorstellbar, dass unter solchen Bedingungen Stimmung aufkommt. „Die Insassen waren schon eher schüchtern, es hat etwas gedauert, bis die warm wurden“, bestätigt Torsten. Die Hälfte des „Medienraumes“ war frei gelassen worden, im späteren Verlauf hat der eine oder andere dann doch getanzt. Auf der Getränkekarte Kaffee und Wasser, letzteres mit Sicherheit besser als das in Kalifornien, beides allerdings nur für die Künstler. Und die spielen an diesem Abend natürlich hauptsächlich Stücke des Man in Black, wenn auch nicht 1:1 die Setlist aus Folsom.
 
Am Ende des Gigs der Speedballs steht das gemeinsame Spielen mit der Anstaltsband, man gibt den „Jailhouse Rock“ zum Besten. Die Reaktion der Gefangenen? Aus Sicht von Torsten positiv: „Mit dem einen oder anderen hat man danach auch gequatscht, das war schon aufbauend – ein gutes Feedback.“ Und auch die Anstaltsleitung war positiv überrascht: „Da sind 500 Plätze aktuell, 460 sind belegt. Ca. 60 Leute waren da. Die Koordinatorin und der Chef haben gesagt, sie hätten nicht damit gerechnet, dass so viele Leute kommen.“ Mehr als hundert wären platzmäßig nicht gegangen. Silvia Vogt-Wittich, damals in der JVA Hünfeld für den Bereich Freizeitgestaltung zuständig, meinte dem DYNAMITE gegenüber: „Durch Auftritte von Bands, Theatergruppen, Zauberern usw. stellen wir den Inhaftierten ein kleines kulturelles Angebot bereit. Wir suchen selbst nach attraktiven Angeboten und wählen auch aus externen Anfragen geeignete Angebote aus. In Zusammenarbeit mit der Anstaltsleitung stellen wir zum Jahresbeginn 4-5 unterschiedliche Angebote zu einem Jahresveranstaltungsplan zusammen.“ Was bleibt, ist eine Demo-CD der Speedballs. Die dürfen die Insassen aber nicht in der eigenen Zelle hören, sondern nur in der gemeinschaftlichen Bibliothek. Die Band hat das natürlich ehrenamtlich gemacht, aus der gefängniseigenen Werkstatt gab es für jeden aber einen Kinderkleiderhaken aus Holz.

Schwere Jungs als leichtes Publikum

Die Rat Cats aus Eging haben es schon auf mehrere Knast-Gigs gebracht, die von ihrer Bookerin in die Wege geleitet wurden. Auch hier stand Johnny Cash Pate. In Aschaffenburg, München, Stadelheim und Bayreuth hat das Trio bereits aufgespielt. Auch Sänger Tom bestätigt den hohen Aufwand im Vorfeld: „Es war nicht einfach, da reinzukommen, ein großes Hin- und Her mit der Organisation.“ Der Unterschied für ihn: „Das Publikum ist einfach komplett anders eingestellt. Die können ja nicht machen, was sie wollen. Die müssen sich vorher anmelden und dann können sie sich das anderthalb Stunden anschauen.“ Im Publikum saßen hier schwerere Jungs als bei den Speedballs, zumindest in Stadelheim: „Es durften nur Leute rein, die eine gute Führung vorweisen konnten. In Stadelheim waren alle da, Mörder, Vergewaltiger. Ganz links die ganz schweren Jungs, rechts die leichteren Fälle.“ Und Die Rat Cats wollen auch weitermachen: „Ja, es war bis jetzt immer gut. Wenn es geht und wenn sie uns irgendwo reinlassen, dann spielen wir auch.“

Gerade als Cash-Tribute-Band im Knast eine Hommage zu spielen, ist eine schwierige Sache. Dessen waren sich auch und gerade Hank Cash bewusst. Bassist Thomas kommentierte die Überlegungen im Vorfeld eines Auftritts in der JVA Aschaffenburg wie folgt: „Als Johnny-Cash-Tribute-Band ein sicherlich zweischneidiges Schwert. Einerseits legen wir großen Wert darauf, immer wieder zu betonen, Johnny Cash nicht kopieren zu wollen. Das wäre ein Ding der Unmöglichkeit und mindestens genauso grausig wie ein Elvis-Double. Stattdessen interpretieren wir seine Songs in unserem Stil und leisten so einen Tribut an Mr. Cash. Ein Auftritt im Knast zieht aber unweigerlich Vergleiche mit Folsom und San Quentin nach sich. Aus diesem Grund haben wir uns sehr genau überlegt, diesen Gig zu spielen.“

Das DYNAMITE zu Gast im  Knast

Johnny & The Hot Rods wird es nach dem Auftritt im Kölner Knast demnächst sogar in ein amerikanisches Gefängnis verschlagenDie Entscheidung, den Gig zu spielen, trafen Hank Cash auch, weil es für die Band selbst eine einmalige Erfahrung zu werden versprach. Nun mag ein kurzer Aufenthalt im Knast als Folge eines Kavaliersdelikt in manchen Kreisen als ehrenhafte, gar erstrebenswerte Erfahrung gelten. Aber nicht nur Folsom und San Quentin Ende der Sechziger, auch deutsche Gefängnisse im 21. Jahrhundert sind nicht eben wohnlich. Mental-Hell-Mastermind und DYNAMITE-Autor Lonesome war anwesend, als Johnny & The Hot Rods im Februar in der JVA Köln spielten. „Die Band spulte handwerklich gut gemacht ihr Repertoire ab, ohne mich aus den Socken zu hauen. Das war sicherlich der frühen Stunde, dem Biermangel, der flutlichtartigen Beleuchtung sowie der konservendosensounderzeugenden Anlage geschuldet. Dafür umso interessanter die Reaktion des Publikums, nämlich: keine. In der ersten Reihe kasperten ein paar Zuschauer rum und zeigten so etwas wie Interesse, den Rest stoisch zu nennen wäre der Euphemismus des Jahrhunderts. Zaghaftes Klatschen zwischen den Liedern zeugte davon, dass es sich um Menschen und nicht um Puppen handelte. Vor einem Publikum, bei richtigem Licht und dem richtigen Ambiente kann ein Abend mit Johnny and the Hot Rods unter Garantie sehr lustig werden, aber das hier war harte Arbeit für die Jungs.“

Stolzes San Quentin

Und in Kalifornien? Dort erinnert man sich bis heute gerne an die legendären Konzerte von Johnny Cash, vergessen ist die Kritik des Country-Sängers an den Zuständen hinter den kalifornischen Gardinen. Lieutenant Sam Robinson, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Gefängnisses San Quentin, erzählte dem DYNAMITE: „Das Staatsgefängnis San Quentin ist definitiv stolz, dass Mr. Cash sich entschied, in dieser Einrichtung aufzutreten. San Quentin und Mr. Cash werden für immer verbunden sein, denn hier machte er nicht nur Liveaufnahmen, sondern spielte auch den Song ,San Quentin‘ zum ersten Mal. Einer der ehemaligen Wärter, Robert Ayers Jr., dachte damals, ein Aufstand wäre in der Halle ausgebrochen, als Cash den Song sang. Heute wird ein Poster des Events an prominenter Stelle im historischen Museum in San Quentin ausgestellt.“ Bis heute gibt es in San Quentin viele Events, die die Insassen mit der Außenwelt in Kontakt bringen sollen. Auch  Konzerte, das letzte größere fand im vergangenen Oktober statt, als international bekannte Jazz-Musiker auf der Bühne standen. Es war ein Tribut für den Jazz-Musiker Frank Morgan, der in den Sechzigern in San Quentin einsaß. Inspiriert von diesem Auftritt, spielte am 8. Februar dann auch die Jazz-Band der Gefangenen zum ersten Mal auf der Bühne. Bis heute erfüllt das kulturelle Angebot also seinen Zweck: Die Gefangenen nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu bessern. Ob deutsche Gefangene lieber Sido oder Bushido sehen würden, wenn sie die Wahl hätten, ist nicht bekannt – aber nicht unwahrscheinlich. «

www.hank-cash.de
www.johnnyandthehotrods.com
www.ratcats.de
www.thespeedballs.de


Text: Tilmann Ziegenhain
Bilder: Sony Music, California Department of Corrections and Rehabilitation,


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DYNAMITE 25.03.2013
Text: Tilmann Ziegenhain Bilder: Sony Music, California Department of Corrections and Rehabilitation,
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