Graveyard Johnnys ? Herumtreiber mit Herz





Graveyard Johnnys

Herumtreiber mit Herz


Die walisische 150 000-Seelen-Stadt Chepstow ist für ihre Pferderennbahn bekannt. Die besten Pferde im Stall sind mit Sicherheit die Graveyard Johnnys, die als mitreißende Live-Band rund um den Globus jagen. Das neue Album „Dead Transmission“ liefert dafür erstklassigen Gassenhauer-Nachschub. Bassist und Sänger Joe Grogan plauschte mit uns über Heimatgefühle, Mütter und die Zufälle des Lebens.





Ich nehme an, dass sich der Titel „Dead Transmission“ nicht auf schlechten Radioempfang im Bandbus bezieht. Was steckt dahinter?

Als wir ausnahmsweise einmal länger nicht auf Tour waren, weil wir bereits an neuem Material arbeiteten, ertappte ich mich dabei, dass ich häufiger vor dem Fernseher hängenblieb als gewöhnlich. Dabei wurde mir klar, was für eine entsetzliche Gehirnwäsche das eigentlich ist. Auf jedem Kanal versucht dir irgendjemand zu erzählen, was richtig oder falsch ist oder was du unbedingt brauchst. Der Werbung und dem Einfluss der Medien aus dem Weg zu gehen, ist ja ohnehin schon schwierig genug. Dass es aber tatsächlich jede Menge Leute gibt, die sich überhaupt keine eigenen Gedanken mehr machen, sondern alles begierig aufsaugen, was ihnen im Fernsehen und im Internet vorgekaut wird, ist schon verdammt frustrierend. Als der Titel stand, haben wir uns alte Propagandaplakate angesehen und auch das Artwork entsprechend gestaltet.



Von Propaganda und Privatem



Das hört sich geradezu gesellschaftskritisch an. Dabei erzählt das Album eigentlich vor allem persönliche Geschichten.

Es fällt mir schwer, über Dinge zu schreiben, die mich nicht unmittelbar emotional bewegen und es ist nicht einfach, entsprechende Themen zu finden, wenn man ständig mit der Band unterwegs ist. Es sei denn, man schreibt wieder und wieder übers Touren. Das wollen wir eigentlich nicht, aber das Tingeln von Konzert zu Konzert macht nun mal einen großen Teil unseres Lebens aus. Diesmal gehen die Texte vor allem auf Dinge zurück, die uns in den beiden letzten Jahren privat geprägt und inspiriert haben. Für mich ist es viel natürlicher, offen und ehrlich über das zu singen, was mich umtreibt, als außerirdische Zombie-Cadillacs durch die Songs brausen zu lassen.


Ein Lied über eure Mütter hätte aber wohl wirklich niemand erwartet.

Wir sind alle mit Eltern gesegnet, die uns von Anfang an bedingungslos unterstützt haben. Meine Mutter hat mich früher immer zu den Gigs gefahren. Sie liebte es, uns auf der Bühne zu sehen und hat mich immer darin bestärkt, das zu tun, was mir am meisten bedeutet. In der Zeit zwischen den beiden letzten Alben starb sie und ich kann es nicht anders ausdrücken: Es hat mir das Herz gebrochen. Ich unterhielt mich in der Folgezeit viel mit meiner Großmutter darüber, wie meine Mom als Kind und als junge Frau gewesen ist. Das war die Initialzündung dafür, „Mothers“ zu schreiben. Unseren Drummer Tom hat es dann auch noch erwischt: Seine Mutter starb ebenfalls. Sie war eine wundervolle Frau, die uns immer zur Seite stand.


Ist es nicht seltsam, so persönliche Dinge öffentlich zu machen?

Es war zunächst nicht einfach, dieses Lied zu singen, ohne sich an den Worten zu verschlucken. Auch jetzt bin ich jedes Mal ziemlich aufgewühlt, wenn wir „Mothers“ spielen und das live zu tun, kostete Überwindung. Letztlich fühlt es sich aber absolut richtig an und ich bin froh, dass wir einen Song auf dem Album haben, der diesen beiden Frauen gewidmet ist. Auch wenn es wehtut: Dass ich meine Gefühle über die Musik ausdrücken kann, ist sehr hilfreich und ein echtes Geschenk.


Die Musik ist noch ein Stück eingängiger geworden und entzieht sich Etiketten wie Punkabilly. Fühlt ihr euch in allen Szenen gleichermaßen wohl?

Natürlich sind wir der Psychobilly-Szene besonders dankbar, weil wir dort gleich zu Anfang mit offenen Armen empfangen wurden. Das hat uns definitiv geholfen, unseren Weg weiterzugehen. Um ehrlich zu sein, wussten wir vorher gar nicht allzu viel über dieses Genre. Uns hat immer nur interessiert, ob uns die Musik, die wir machen, gefällt. Wir sind alle mit Fifties-Rockabilly und klassischem Punkrock groß geworden und die Mischung, die sich daraus für unser Songwriting ergibt, war von daher eine ganz natürliche Sache. Das schlug sich vor allem in den ersten Stücken nieder, die wir geschrieben haben. Inzwischen hören wir alle auch ganz andere Musik und immer noch lassen wir intuitiv einfließen, was uns passend erscheint. Wenn das für irgendeinen eingeschworenen Rockabilly zu rockig ist, dann kratzt mich das nicht.



Kein Einheitsbrei für Puristen



Seid ihr nie von irgendwelchen Puristen angefeindet worden?

Engstirnige Menschen finden sich überall. Anfangs gab es ein paar Leute, die meckerten, weil wir den falschen Haarschnitt hatten. Sie dachten vermutlich, wir wollten nur auf einen fahrenden Zug aufspringen und seien so ein Mode-Ding. Das hatte sich aber relativ schnell erledigt, als wir in Schwung kamen und die ganze Sache eine Eigendynamik entwickelte. Da wir nie behauptet haben, wir seien eine Punkkapelle, eine Psychobilly- oder Rockabillyband, gab es unterm Strich kaum Kritik. Wir wecken keine falschen Erwartungen. Wir bedienen uns gern aus verschiedenen Töpfen. Das verhindert, dass Einheitsbrei entsteht. Allen kann man es ohnehin nie recht machen. Darüber muss sich jede Band im Klaren sein.


Seid ihr inzwischen wählerischer, wenn es um Konzerte geht, oder spielt ihr immer noch an jeder Milchkanne?

Bekanntlich sind wir überhaupt nicht wählerisch. Wir spielen immer und überall. Unser neuer Gitarrist Cal besteht auf fließendes Wasser und Nahrungsmittelzufuhr, Tom weiß ein heißes Bad nach dem Gig zu schätzen, im Großen und Ganzen sind wir aber mit einem Heuhaufen für die Nacht zufrieden und jetzt sind wir vor allem heiß darauf, das neue Material möglichst flächendeckend unters Volk zu bringen. Da werden einige mit den Ohren schlackern.



Die Punkband mit dem Cello




Macht es für dich einen Unterschied, ob ihr bei einem Psychobilly-Festival spielt oder gemeinsam mit einer Punklegende wie Sham 69 auftretet?

Jede Show zählt und jedes begeisterungsfähige Publikum ist toll. Wir haben auch schon zwischen Hard Rock und Metalbands gespielt und erlebt, wie deren Fans komplett am Rad drehten, einfach weil sie so etwas wie uns nicht kannten. Hinterher kamen sie dann begeistert auf uns zu und meinten: „Das war cool! Ich habe noch nie eine Punkband mit Cello gesehen“. Meiner Erfahrung nach schaffen wir es, die verschiedensten Menschen anzusprechen.


Was hat sich für euch verändert, seit Cal dazugestoßen ist?

Unser letztes Album „Songs From Better Days“ entstand maßgeblich im Teamwork zwischen Tom und mir. Callum stieß kurz nach der Veröffentlichung zu uns und war entsprechend scharf darauf, sich in den kreativen Prozess einbringen und eine eigene Duftmarke auf einer Platte hinterlassen zu können. Meiner Meinung nach hat uns sein Beitrag noch mal ein ganzes Stück weiter gebracht. Es ist ein tolles Gefühl, wieder als Dreiergespann zusammenzuarbeiten und wir sind alle sehr stolz auf das, was wir mit „Dead Transmission“ zustande gebracht haben. Wir alle haben unterschiedliche musikalische Präferenzen, was manchmal zu unsanften Zusammenstößen führt, aber das fördert unsere Kreativität nur zusätzlich.


Was ist denn die schrägste Platte in deiner Sammlung?

Ich glaube, die Poprocker Chas & Dave dürften den einen oder anderen überraschen. Wenn ich so einen richtig miesen Tag habe, bringen mich die beiden aber allen Ernstes auf andere Gedanken. Sie machen die Welt ein Stück liebenswerter.



Am Anfang war der Pub



Stimmt es, dass ihr euch ursprünglich nur für einen einzigen, feuchtfröhlichen Halloween-Auftritt gegründet habt?

Das ist richtig und ich kann dir versichern, dass wir damals keinen müden Cent darauf gewettet hätten, dass wir Jahre später immer noch unterwegs sind. Wir wollten nur ein bisschen Spaß und Freibier im Pub um die Ecke haben. Das war alles. Wir haben dann im Anschluss trotzdem eine Myspace-Seite eingerichtet, was zu weiteren Konzerten führte und mit einem Mal waren wir unverhofft mittendrin. Das passt gut zum Wesen des Rock’n’Roll, denn der sollte meiner Meinung nach immer ein bisschen spontan sein. Wenn das Leben zu vorhersehbar verläuft, wird es schnell langweilig.


Du bist also mit deinem Schicksal zufrieden?

Und wie! Manchmal denke ich darüber nach, was wohl aus uns geworden wäre, wenn wir uns nicht entschlossen hätten, diesen ersten Gig zu spielen. Vielleicht säßen wir uns dann alle in irgendwelchen öden Jobs die Ärsche platt und hätten eine halbwegs abgesicherte Zukunft? Vielleicht wären wir auch Säufer, die sich in der Stadt herumtreiben und nichts auf die Reihe bekommen? Ich würde sagen, da haben wir es im Moment doch deutlich besser getroffen.


Seit 2008 seid ihr mehr oder minder pausenlos auf Tour. Ist das nicht unheimlich anstrengend? Wie erholt ihr euch zwischen den Konzerten?

Wir laden den Bus aus. Das muss als Ausgleich genügen. Nein, im Ernst: Auf Tour gibt es wenig Verschnaufpausen und wenn wir nach Hause kommen, geht die Arbeit weiter. Die Band ist ein Vollzeitjob und hält uns rund um die Uhr auf Trab. Vielleicht werde ich eines Tages einfach umfallen und ein paar Jahre durchschlafen. Bis es so weit ist, geht es weiter wie seither.


„One Day Or Forever“ hat geradezu folkloristische Untertöne. Wie wichtig ist eure Heimat Wales für euch?

Der Text zu diesem Song stammt größtenteils von Callum. Er thematisiert seine Sehnsucht nach Irland, wo er sich einfach am wohlsten fühlt. Wir alle lieben es, unterwegs zu sein. Müssten wir dauerhaft an einem Ort bleiben, würden wir wahrscheinlich verrückt werden. Andererseits ist es wichtig zu wissen, dass es so etwas wie ein Zuhause gibt. Das hilft einem, seine Sinne beisammen zu behalten. Die Graveyard Johnnys sind fahrendes Volk mit Heimatgefühlen.


Natürlich für Wales, nicht etwa für England oder für Großbritannien ...

Wales und England sind im Grunde zwei vollkommen unterschiedliche Länder mit einer gemeinsamen Grenze und wir Waliser sind ein sehr stolzes Volk. Wir haben Berge, Seen, Drachen und Städte mit unaussprechlichen Namen. Das sollen uns die Engländer erst einmal nachmachen ... «


www.graveyardjohnnys.com
 

Text: Christoph Kutzer
Bilder: Ester Segarra, James Williams (live)




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19.07.2015
Text: Christoph Kutzer Bilder: Ester Segarra, James Williams (live)
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Stand:10 December 2016 23:18:09