Jesse Rooke is alive! Hierzulande hört man kaum etwas von dem jungen Customizer, der vor ein paar Jahren in den USA einen kometenhaften Aufstieg in der Szene feiern konnte.
„Es muss eindeutig zu spät an der Bar geworden sein gestern Nacht“, sage ich zu Kollege Carsten, „ich habe nämlich offensichtlich Sehstörungen: Ich habe doch tatsächlich gerade eben geglaubt, eine Karre von Jesse Rooke hier gesehen zu haben.“ Ort des Geschehens: Robinson Club Cala Serena in Mallorca. Die Jahreszeit: Spätherbst oder Frühwinter, genauer gesagt: die zweite November-Woche. Der Anlass: Mallorca Bike Week. Wir sind also in Europa, deshalb kann das mit dem Rooke-Bike nicht sein. Noch nie habe ich außerhalb der USA ein Bike von Jesse Rooke gesehen, obwohl ich als Chefredakteur der DREAM-MACHINES ganz schön herumkomme in der Szene.
Am nächsten Tag ist schlechtes Wetter. Das Bike parkt unter den Atriums-Arkaden des Hauptspeisesaals. Beim näheren Hinschauen bestätigt es sich: Es ist eine Rooke – eindeutig. Die erste in der Alten Welt!Zettel gesucht, Nachricht an den (noch unbekannten) Besitzer geschrieben, er möge doch bitte telefonisch mit uns Kontakt aufnehmen.
Das geschah dann auch wie gewünscht und wir machten am Abend die Bekanntschaft von Nikolaus von Johnston. Wie sich herausstellte, ist er nicht nur der Fahrer und Besitzer dieses seltenen Bikes, er hat es zusammen mit seinem Bekannten Thomas Mayr auch aufgebaut. Sein Geld verdient Nick von Johnston allerdings nicht mit dem Bau von Custombikes, sondern in der IT- und Telekommunikationsbranche …

Von Jesse Rooke stammt das Rolling Chassis mit der für dessen Stil so typischen Optik eines „California Beach Cruisers“. Die Antriebseinheit und all diejenigen Komponenten, die für eine legale Straßenzulassung hierzulande notwendig sind, besorgte Nick von Johnston sich selbst. Für angemessenen Vortrieb in dem ranken, schlanken, ultraflachen Bike sorgt ein 1.870 großer Motor von TP. Der leistet zusammen mit einem Mikuni Flachschieber-Vergaser und der verstellbaren Auspuffanlage von Jeckyll & Hide satte 120 PS, genügend Dampf also für alle Fahrsituationen. Was die sinnvollen Feinheiten anging, waren Nick und sein Schrauberkollege Thomas auf eigene Ideen und Lösungen angewiesen. So stellte sich zum Beispiel die von Rooke verbaute PMFR-Gabel als ebenso stylisch wie im europäischen Fahrbetrieb etwas überfordert heraus. Zwar ist diese Gabel, die aus dem Dragster-Rennsport kommt, für amerikanische Vmax-Limits stabil genug, allein, nur mittels eines speziell unter dem Lenkrohr adaptierten Lenkungsdämpfers von Magura konnten die Münchner ausreichend Ruhe ins Gebälk bringen. Auch die Tatsache, dass der Ex-Moto Cross-Profi Rooke es schlichtweg nicht für nötig hält, den unterm Sitz montierten Benzintank mit einer tauglichen Entlüftung zu versehen, bezahlte Nick eines schönen Tages mit einer druckigen Benzindusche von unten. Doch diese Probleme wurden inzwischen von den Deutschen gelöst, spezielle Tankdeckel mit integriertem Kugelventil sorgen für Alltagstauglichkeit.
Wer auch solch ein Bike sein Eigen nennen möchte, kann sich gerne bei Nick von Johnston melden. Er besitzt alle Gutachten, die solch ein Bike zulassungsfähig in Deutschland machen und auch das entsprechende Know How, aus einem amerikanischen Rolling Chassis ein fahrbares Bike zu bauen. Für ernsthafte Interessenten bauen Nick und Thomas gerne ein, maximal zwei Bikes pro Jahr auf.
Text: Dr. Heinrich ChristmannBilder: Carsten Heil