Die Mitgliederversammlung der Biker Union verzeichnete heiße Diskussionen. Sollte sie eine Interessenvertretung der Rocker bleiben?
Die Abstimmung erfolgte mit Stimmkarten, die nur gegen Vorlage des BU-Mitgliedsausweises vergeben wurden
Die Biker Union e.V. (BU) hatte ihre rund 4000 Mitglieder für den 19. Mai ins thüringische Craula zur Mitgliederversammlung geladen. Neben den für einen eingetragenen Verein obligatorischen Tagesordnungspunkten, wie der Entlastung des Vorstandes und dem Bericht der Kassenprüfer, stand der Tagesordnungspunkt Nummer 7 auf der Liste: „Außendarstellung und Positionierung der BU“.
Urgesteine der Biker Union: Manfred „Tedy“ Bach und Wolfgang „Wolf“ Klepsch. Wolf fand drastische Worte gegen den Streichungsantrag
Ein schwelender Konflikt
Diese gestelzte Formulierung stand für einen Konflikt, der seit dem letzten Jahr im Verein schwelte. Die BU nämlich trägt die Zusatzbezeichnung „Die Interessenvertretung der Biker, Rocker und Motorradfahrer“. Genau diese Zusatzbezeichnung sollte nach dem Willen einiger Mitglieder entfernt werden. Mittels eines form- und fristgerecht eingereichten Antrages zur Mitgliederversammlung suchten sie eine Entscheidung. Brisant daran: Ursprünglich war es die Absicht der Antragsteller, allein das Wort „Rocker“ aus dem sogenannten „Claim“ streichen zu lassen. Nachdem diese Idee von den Initiatoren über einen Leserbrief in der Vereinszeitung „BU Aktiv“ verbreitet wurde, sorgte das Vorhaben für heftige Diskussionen und Beiträge in der Vereinszeitung und im Internetforum der BU. Auf der Mitgliederversammlung erwartete jeder den Showdown.
Meist besuchen 30 oder 40 Mitglieder die Versammlung. Diesmal fanden über 100 Mitglieder aus ganz Deutschland den Weg in das 350 Seelen-Dorf im Nationalpark Hainichen. Sämtliche Ferienbetten und Matratzenlager waren ausgebucht. Die urige Wirtin Jacqueline stellte auch den Garten hinter ihrem Saal für einen Campground zur Verfügung. Sie freute sich über ihre Gäste: „Die sind alle total lieb und unkompliziert, es macht richtig Spaß mit der Truppe!“
Am Samstag wurde es richtig voll. Rund um die Gastätte standen zahllose Bikes sämtlicher Marken. Der Versammlungsraum füllte sich schnell, aber nicht ganz ohne Hürden: Eine Stimmkarte bekam nur, wer seine Mitgliedschaft auch durch seinen Ausweis nachweisen konnte.
Jawoll, viele kamen mit dem Bike. Die Motorräder der Mitglieder
Die Sitzung beginnt
Der Vorstand um Rolf „Hilton“ Frieling berichtete zunächst vom Engagement für mehr Verkehrssicherheit und von Gesprächen mit den Verkehrsministern mehrerer Bundesländer. Dazu kämen Diskussionen mit Polizei und Innenbehörden über Polizeikontrollen bei Motorradveranstaltungen und natürlich die Aktivitäten der über 60 BU-Stammtische. Nachdem über Stunden die notwendigen Rechenschaftsberichte vorschriftsgemäß abgelegt waren, nahte der Tagesordnungspunkt mit der Nummer 7.
Der Antragssteller, der uns kein Interview geben wollte und dessen Namen wir hier nicht nennen: Man könne mehr Mitglieder für den Verein gewinnen, wenn man das Wort „Rocker“ nicht im Claim führe, weil das eben manche Personen abschrecke. Ein weiterer Befürworter des Antrages: „Höhere Mitgliederzahlen werden wir so nicht erreichen, wir müssen neutraler werden.“
Die Rednerliste füllte sich schnell, und manche Mitglieder fanden überdeutliche Worte: „Die BU wurde von der Szene gegründet und in schwierigen Zeiten am Leben gehalten. Wenn wir der Szene den Rücken zudrehen ist das Verrat!“ So sprach BU-Vorstandsmitarbeiter Wolfgang „Wolf“ Klepsch unter Applaus. Für die Vorgehensweise der Antragsteller fand Wolf teilweise sehr drastische Worte.
Die Emotionen in den zahlreichen Redebeiträgen gegen den Antrag kochten hoch. Manche der Redner verzichteten gar auf das Saalmikrophon, sie waren laut genug. BU-Mitglied „Klippi“: „Die Gesellschaft schließt schon genug Leute aus, das sollten wir nicht auch tun! Wir sollten nicht an Grundfesten unserer Lebensweise herangehen!“ Für die versammelte Mehrheit war dieser Zusammenhalt offensichtlich von fundamentaler Bedeutung innerhalb des Vereines und auch in ihrer persönlichen Lebensführung.
Der Befürworter des Antrages verteidigte sich: „Wir wollten etwas für den Verein tun!“ Doch er hatte darauf bestanden, nicht offen mittels Handzeichen abzustimmen. Die Auszählung der geheimen Wahl ging umso klarer aus: Bei vier „Ja“-Stimmen und einer Enthaltung stimmten 102 Männer und Frauen im Saal mit „Nein“. Sie sprachen sich somit deutlich dafür aus, den Wortlaut des Claims zu erhalten: „Die Interessenvertretung der Biker, Rocker und Motorradfahrer“.
Im Anschluss an die Abstimmung überreichte der unterlegene Antragsteller, wie zuvor für den Fall der Niederlage angekündigt, sein vorbereitetes Austrittsschreiben. Eine Stellungnahme gegenüber BIKERS NEWS wollte er im Anschluss an die Sitzung nicht mehr abgeben.
Nach der Niederlage: Der unterlegene Antragsteller übergibt dem Vorstand sein vorbereitetes Austrittsschreiben
Ein neuer Antrag
BU-Mitglied Mathias „Klippi“ Wiegand griff schließlich zum Mikrophon und stellte einen Initiativantrag, um die folgende Erklärung durch die Mitgliederversammlung verabschieden zu lassen:
„Die Biker Union e.V. als Interessenvertretung der Biker, Rocker und Motorradfahrer bekennt sich zum demokratischen Rechtsstaat. Das Gewaltmonopol liegt ausschließlich beim Staat. Gleichzeitig wendet sich die BU gegen die Vorverurteilung der Rockerszene durch Medien und Politik. Pauschalisierende und vorverurteilende Aussagen von Medien, Politik oder Polizei zu möglichen Gesetzesverstößen, ohne entsprechende Beweise und Gerichtsverfahren werden von uns verurteilt.“ Der Antrag wurde mit nur einer Gegenstimme angenommen. …
Mathias „Klippi“ Wiegand spricht sich gegen die Streichung des Begriffes „Rocker“ aus
… weiter Interviews gibt’s in der BIKERS NEWS 07/12
Text: Denise Redder