Rocker
Vergesst „Sons of Anarchy“! Okay, diese Serie ist perfekt. Sie ist so perfekt, das wir uns immer wieder fragen, wo die Macher ihre Stories herholen. Und sie ist so perfekt, dass selbst Onepercenter diese Serie zu ihrem Pflichtprogramm gemacht haben.
Die Standbildfunktion ermöglicht es gar, endlich mal genau zu lesen, was auf diesen kleinen Brustpatches eigentlich draufsteht. Und manch einer holt sich so die neue Inspiration für seinen eigenen Club, um dessen Wirklichkeit der Fiktion im Film anzugleichen. Was für eine Ironie: Rocker eifern ihrem eigenen Zerrbild nach, das über den Bildschirm transportiert wird!
Und dann erzählt uns „Sons of Anarchy“, dieses „Dallas“ für Biker, auch noch, dass Rocker so böse eigentlich gar nicht sind. Es ist ja nur der Kinderschänder, dem der Rocker-President die Eier abschneidet … Das ist der alte Mythos vom Rache-Engel, der die Drecksarbeit erledigt, die das Gesetz der Zwangssozialisation den braven Bürgern verbietet.
Alles schon mal dagewesen. Die Medienkette „Zweitausendeins“ hat den Film „Rocker“ ausgegraben. Diese deutsche Produktion von 1971 wurde einst mit echten Rockern gedreht, den Bloody Devils aus Hamburg. Im Gegensatz zu „Sons of Anarchy“ ist sie stümperhaft, aber grandios. Heutzutage nennt man das kultig. Aber die Story, soweit „Rocker“ eine Story überhaupt erzählt, ist die gleiche: Eigentlich sind Rocker gut. Sie zerstören nämlich den bösen Zuhältern ihr Auto, um damit den feigen Mord am Bruder des Hauptdarstellers zu rächen.
Wer diesen Film in den frühen Siebzigern gesehen hat, wollte auch so werden. Vielleicht hat der Begriff „Rocker“, den es so im amerikanischen Englisch ja gar nicht gibt, überhaupt erst durch diesen Film in die deutsche Sprache Eingang gefunden. Auch hier verzeichnen wir ein merkwürdiges Wechselspiel zwischen Medien und Wirklichkeit.
Die wirkliche Wirklichkeit sieht noch mal ganz anders aus. Unsere Szene – das sind nicht mehr ein paar ungewaschene Halbstarke, die, wenn’s hochkommt, ein paar Zuhälter vermöbeln. Heute haben wir globale Spiele in den verschiedensten Ligen, in denen ungezählte Supporter und Streetgangs mitmischen. So ändern sich die Zeiten, warum nicht auch wir?
Aber möglicherweise stehen wir vor dem Ende einer Kultur, in der es vor 30 oder 40 Jahren doch viel mehr geknallt hat als heute. Denn jetzt stehen wir im Rampenlicht der Medien. Ein Staat, der mit Parallelgesellschaften naturgemäß Probleme hat, kann sich in diesem Rummel so geben, als sei er zum Handeln gezwungen. Er lässt Razzien und Clubverbote hageln, um, wie ein grüner Politiker es in dieser BIKERS NEWS sagt, „symbolisch Handlungsfähigkeit zu beweisen“.
Wäre das alles womöglich nicht passiert, wenn unsere Rocker-Väter sich nicht für schnell gedrehte Filme hergegeben hätten, die schließlich ein Vielfaches ihrer Produktionskosten einbrachten, weil alle Zuschauer genau das haben wollten? Wir wissen es nicht, und wir wollen es besser nicht wissen, denn auch BIKERS NEWS nimmt an dem merkwürdigen Wechselspiel zwischen Medien und Wirklichkeit teil. Mit einem Unterschied: Wir brauchen keine Schauspieler, wir müssen keine Akteure kaufen. Wir sind mittendrin, und genau deshalb sind wir auch nicht immer perfekt.
… weiter geht’s in der BIKERS NEWS 07/12
Text: Michael Ahlsdorf